Bevor
man als Seitsattelreiterin darangeht, ein historisches Kostüm
für sich und den vierbeinigen Partner in Angriff zu nehmen,
sollte man sich über die Ambitionen klar werden, die sich damit
verbinden:
Soll es zum Gebrauch auf einer „Costume Class“ eingesetzt werden?
Dann muß ich damit rechnen, mich den gestrengen Blicken noch
gestrengeren Richterinnen auszusetzen, die bis auf den letzten Knopf
die Kleidung in Augenschein nehmen und nach Abweichungen fahnden.
Geschummeltes wird mit Argusaugen aufgespürt – auch Details,
und nicht nur ein so kolossaler Fauxpas wie ein noch so gut versteckter
Reißverschluß!
Oder
möchte ich einfach „nur“ endlich mal schöner aussehen
als im Einheits-Schwarz-Weiß?
Auch
dann sollte ich mir im Klaren sein, dass ein langer, flatternder
Rock und eine schicke Korsage nebst breitkrempigem beschleiertem
Hut nicht automatisch ein Synonym für ein historisches Kostüm
sind sondern eher der geradeste Weg in die Romantik-Falle.
Oder
möchte ich das ausnutzen, was uns gerade der Damensattel in
der Reiterei bietet – den Bezug zur Vergangenheit, zur Geschichte
der Reiterei, zur Geschichte der Frau im Sattel?
Dann
sollte ich das nutzen, was mir diese reichhaltige Geschichte biete,
und mich mit den verschiedenen Epochen auseinandersetzen, bevor
ich mich so einkleide, wie es zum Pferd und mir passt.
Alle
letztgenannten Gründe können mit kleinen Ungenauigkeiten
im Detail existieren, keine Frage. Aber trotzdem sollten wir uns
doch bemühen, grobe Schnitzer zu vermeiden, indem wir uns vorher
ernsthaft mit diesem Projekt auseinandersetzen statt fröhlich
und unbefangen im Brautkleid aufs Pferd zu klettern, das Ganze „Sissi“
zu nennen und trotz vielleicht auch noch so guter Reitkunst das
Damensattelreiten in die Ecke der süßlich verklärten
Hollywoodstreifen der 50er Jahre zu stellen.
Dort
war es durch alle Jahrhunderte nie – und das sollten wir ihm auch
nicht antun!
Ein
paar Gedanken um Grundsätzliches, die man sich machen sollte,
bevor man sich für ein Kostüm entscheidet:
Was
war es denn, das Reiten im Seitsitz?
Es
war Notwendigkeit – bei den schlechten Straßen z.B. des Mittelalters
oder der Renaissance war ein Fortkommen in den zudem ziemlich ungefederten
Wagen fast unmöglich, also musste man, so man einen hinreichend
großen Vierbeiner zur Verfügung hatte, auf dessen Rücken
sitzen.
Schon
in dieser Epoche, aber insbesondere in späteren Jahrhunderten
war es Renommieren auf bestens ausgebildeten, oft sehr wertvollen
Pferden.
Und
nach dem Umbruch der Französischen Revolution (also in „dem“
Damensattel- Jahrhundert, dem 19. Jhdt.) war es sportliche Betätigung,
Ausbruch aus den biedermeierlichen Normen, das englische „zurück
zur Natur“ mit Ausritten, Jagden und dem Beginn der Sportreiterei.
Gleichzeitig wurde das Renommieren zur „Promenadenreiterei“, also
einem gesellschaftlichen Ereignis, bei dem Schick und Schau im Vordergrund
standen.
Wer
ritt im Seitsitz?
Wenn
wir die Bauersfrau ausklammern, die im Quersitz auf dem behäbigen
Rücken ihres Ackerpferdes zum Markt reitet, den Hühnerkorb
hinter sich und den Sack mit Kohlköpfen auf der anderen Seite,
so waren es durchweg die gehobenen Schichten, in denen die Frauen
ritten.
Reittiere
waren in der Regel eher eine kostspielige Angelegenheit, demnach
konnte es sich auch nur ein gut betuchter Herr leisten, seiner Frau
ein solches zur Verfügung zu stellen. Folgerichtig wird also
in den vorrevolutionären Jahrhunderten generell eher eine adlige
Dame dargestellt werden, mit entsprechend teurer, kostbarer und
aufwändiger Ausstattung – Reiten war ja in vielen Fällen
gleich Renommieren – und so sah man auch aus.
Im
19. Jahrhundert, in dem die bürgerliche Schicht tonangebend
wurde, wurde das Reiten demokratisiert – nun ritt auch „Lieschen
Müller“, zumindest wenn der Papa oder der Gatte genügend
Kleingeld übrig hatten. Wir werden sehen, dass das auf viele
Aspekte Auswirkungen hatte.
Wer
übrigens definitiv nie geritten ist, ist Xena the Warrior Princess,
Elbenköniginnen oder Southern Belle, die Ballkönigin von
New Orleans 1765.
Worauf
ritt man?
Wenn
wir unser Projekt wirklich historisch betreiben wollen, müssen
wir uns auch vorher mit unserem Pferdepartner beschäftigen.
Am
leichtesten haben es die Besitzerinnen iberischer Pferde
oder von Vollblutarabern
und Berbern . Diese Pferde waren eigentlich
durchweg durch alle Epochen immer beliebt und begehrt, wegen ihrer
Leichtrittigkeit besonders als Damenpferde geeignet und wegen ihrer
Schönheit (und ihres Preises) auch wunderbar als Renommierobjekte
einsetzbar. Lediglich nach der Französischen Revolution geht
es den Iberern an den Kragen, und sie werden verdrängt durch
die fürs Jagdreiten so viel geeigneteren Pferde im Typ des
Englischen Vollblüters, oder der zumeist aus den Wagenpferderassen
entwickelten rahmigeren Springpferde und Hunter.
Diese
typischen Pferde des 19. Jahrhunderts haben den modernen Warmblütertyp
geprägt, so dass streng genommen ein solcher
großrahmiger, schwungstarker Hannoveraner oder Holsteiner,
sowie ein Englischer Vollblüter nur
angemessen mit einem Kostüm dieser Epoche vorgestellt werden
dürfte – das wäre aber natürlich gar zu schade! Feinere
Warmblüter im Trakehnertyp gab es
eigentlich ebenfalls schon recht lang, zudem muß man sich
vor Augen halten, dass natürlich auch in vergangenen Jahrhunderten
geritten wurde, was da war, und nicht jeder Landadlige das Geld
für einen teuren Import aus Südeuropa oder Nordafrika
hatte, sondern auf die vorhandenen Landschläge zurückgreifen
mußte. Insofern geht ein (nicht zu großer) Warmblüter
immer, er wird auch von heutigen Augen ohnehin am ehesten als „neutraler
Hintergrund“ empfunden.
Die
sogenannten „Barockpferde“ , als da wären
Kladruber, Knabstrupper, Lipizzaner und
Verwandte sind für Darstellungen ab der Renaissance wunderbar
geeignet, auch sie verschwanden aber am Ende des 18. Jahrhunderts
als „unmodern“. Spätreif, geritten nach langer, teurer Ausbildungszeit
als hochausgebildete Dressurspezialisten, ohne raumgreifende Gänge
und Galoppade, sowie ohne besonders ausgeprägtes Sprungvermögen,
passten sie nicht mehr in die neue, schnellebige Zeit und die im
Tempo erheblich erhöhten Jagden zu Pferde. Auf einem solchen
Pferd im Gründerzeitkostüm zu reiten, erfordert die Erfindung
zumindest einer sehr exzentrischen englischen Countess als dargestellte
Figur…
Friesen
sind – leiderleider – keine Barockpferde, auch wenn
sie gerne mal barocke Formen aufweisen. Dieser Typ Pferd taucht
als männergerittenes Schlacht- und Kriegspferd in Mittelalter
und Renaissance auf, und wurde, als keiner diese großen, wenig
wendigen Tiere mehr brauchte, bereits in barocker Zeit als beeindruckender
Karossier weiter eingesetzt. Der lange, eher weiche Rücken
und die hohe natürliche Aufrichtung zeugen von dieser Vergangenheit
– eigentlich war der Friese über Jahrhunderte kein Reiterträger
und wird ja auch erst seit seiner Wiederentdeckung im 20. Jahrhundert
wieder geritten.
Trotzdem
ist natürlich gerade diese Rasse aufgrund ihrer Schönheit,
der erwünschten „barocken“ Knieaktion und Aufrichtung und ihres
gutmütigen, nicht zu feurigen Charakters als eine der häufigsten
auf Shows und historischen Veranstaltungen unterm Damensattel zu
sehen. Ein Anachronismus zwar, aber ein wunderschöner.
Wunderbar
für den Damensattel in allen Epochen geeignet sind alle Arten
von feinen, eleganten Ponies – so sie
mit der Größe ihrer Reiterinnen nicht zu sehr kollidieren,
immerhin setzt einen der Damensattel ja noch ein Stückchen
höher „übers“ Pferd. Kurze quadratische Pferdchen wie
Dülmener oder Camarguepferde
sind ideal, und auch die Haflinger entsprechen
– obwohl als Rasse relativ jung- absolut dem begehrten isabellfarbenen
Pferdchen, das als Damenpferd auf vielen Darstellungen seit dem
Mittelalter und der Renaissance zu sehen ist. Zudem sind solche
Pferde auch vom Gebäude oft sehr gut für hochversammelnde
barocke Lektionen geeignet, was sie auch noch vom Reiterlichen für
historische Darstellungen empfiehlt. Isabellen verschwinden im Rokoko
übrigens aus den bildlichen Darstellungen, deshalb ist ein
solches Kostüm für sie nicht zu empfehlen.
Wer
mit sehr ursprünglichen und regionalen Pony- bzw. Kleinpferdrassen
beritten ist (wie Norweger oder Isländer
), sollte sich allerdings überlegen, ob er nicht
wirklich regionale Trachten des Ursprungslandes aufspürt und
mit diesen reitet.
Und
dann wären da noch die Reittiere, die typisch sind für
Mittelalter und Renaissance: Maultiere, Maulesel
und Esel . Sie waren, zumindest als Reittiere
der gehobenen Schichten, äußerst kostbar gezogen und
hoch im Blut stehend und unterschieden sich demnach ganz erheblich
von ihren braven heutigen Verwandten, die trittsicher in der Schweizer
Armee mit zentnerweise Ausrüstungsgegenständen übers
Hochgebirge kraxeln. Weiße Maultiere waren begehrte Reittiere
für den hohen Klerus, und sie galten als mindestens ebenso
„fein“ wie ihre equiden Verwandten.
Generell
gilt allerdings für die Pferdewahl: historisch
korrekt ist wunderschön, aber den modernen Anforderungen an
körperbauliche und tiermedizinische Notwendigkeiten müssen
wir heutzutage schon eindeutig Rechnung tragen. Gerade die historisch
so beliebten kurzrückigen Iberer und Araber, oder auch die
Ponies im historischen „Frauenpferdchenformat“ bringen oftmals keine
ausreichende Rückenlänge mit, um den heute oft recht langen
Damensattel auch gesundheitserhaltend auf ihrer Brustwirbelsäule
verstauen zu können. Frauen sind heute durchaus mal bis zu
20 cm größer als zur Zeit des Barock – was sich natürlich
auch auf die Beinlänge und damit die notwendige Länge
des Sattels auswirkt. Reiterinnen kurzer Pferde haben aber dann
natürlich nicht nur Schwierigkeiten beim historischen Reiten,
sondern mit dem Damensattel generell. Wer also noch vor der Anschaffung
eines Damensattel-Pferdes steht und selber größer als
ein handelsüblicher Hydrant ist, sollte sich darüber im
Klaren sein. Selbst wenn ein 1,50m PRE seine 1,80m-Reiterin im Dressursattel
vielleicht Kraft seiner königlichen Macho-Ausstrahlung locker
abdeckt, wird er es nicht mehr können, wenn sie ihm mit dem
Seitsattel auf den Lendenwirbeln hängt.
Welche
Kleidung trug eine Dame beim Reiten?
Schon wenn man einmal kurz ernsthaft über diese Frage nachdenkt,
lässt sich die Antwort vielleicht erraten: auf alle Fälle
KEIN Ballkleid.
Getragen
wurde, was der Gelegenheit entsprach: also Reisekleidung, Jagdkleidung
oder sogar eigens Reitkleidung. Sie war in den allermeisten Fällen
hochgeschlossen und schützte ihre Trägerin vor der Witterung,
und insbesondere gegen Sonneneinstrahlung und sie war ab der Spätrenaissance
meist eine Kopie oder Interpretation der gleichartigen Herrenkleidung.
Die
Stoffe waren schwerer, robuster und haltbarer und die Farben zurückhaltender
als bei ihren Schwestern, den Ball- und Hofroben.
Keine
Regel ohne Ausnahme: beispielsweise gibt es im Spätmittelalter
und insbesondere in der Renaissance und im Barock bei den Staatsporträts
kostbarste Brokate zu sehen – allerdings gegen den Pferdemüff
geschützt durch gigantische Schabracken.
Zweites
Beispiel: im Spätempire/frühen Biedermeier wurden die
supermodischen leichten, weißen Chemisenkleider auch auf dem
Pferd getragen, den Rock gegen das Aufflattern mittels eines Riemens
um die (beide!) Oberschenkel gegürtet – dazu ein riesiger Strohschutenhut
– allerdings nur von völlig verwegenen Modedämchen, und
auch nicht allzu lang…
In
jeder Epoche war aber den Frauen ganz offenbar eins klar: man sah
sie an. Wurde in den Jahrhunderten vor dem Rokoko eher mit der Pracht
der Kleidung geglänzt, so kokettierte man spätestens ab
dann mit der extremen Verweiblichung eigentlich männlicher
Kleidung. Insbesondere in der Mitte des 19. Jahrhunderts (der „Romantik“)
wurde ganz bewusst der atemberaubende Gegensatz hervorgehoben zwischen
zarter Taille und dem kraftvollen, großen Pferd, das mit dem
bauschigen, überlangen Rock zu einer kompakten Silhouette verschmolz,
die die Zerbrechlichkeit der Reiterin noch weiter hervorhob. In
den späteren Jahren wurde dann statt Romantik die Eleganz wichtiger,
aber immer bleibt das Leitmotiv die zierliche Taille/schmale Erscheinung
der Reiterin, die im Gegensatz steht zum großen, starken Tier.
Und mal ehrlich - was könnte denn auch typisch weiblicher in
der Erscheinung sein? (Und - sorry, Frau Schwarzer- anziehender
auf männliche Blicke?)
Gibt's
eine Epoche, in der ich den Rock über die Kruppe des Pferdes
ausbreiten darf?
Nein.
Zumindest nicht im Seitsitz.
Selbstverständlich
sind immer wieder Darstellungen (besonders Staatsgemälde aus
Renaissance und Barock) zu sehen, auf denen Röcke so liegen,
aber Vorsicht! - das sind Schleppen von Kleidern, deren Trägerin
im Spreizsitz reitet.
Z.B.
ganz interessant bei Velazquez' lebensgroßen Darstellungen
zweier Königinnen aus dem Jahre 1635: Isabella von Bourbon
und Margarita di Austria. Beide tragen Kleider, die (durch Mega-Schabracken
geschützt) keine vordere Rockkante erkennen lassen, sondern
die im Bogen verlaufen – ein eindeutiges Zeichen für einen
übers Pferd statt unter den Reiterinnenpopo gelegten Rock
Isabella
sitzt dabei absolut eindeutig im Spreizsitz, schon allein angesichts
des hochaufragenden Sattelknaufes. Bei Margarita dagegen könnte
man mit reichlich gutem Willen sogar einen Seitsattel vermuten,
da ihr linksseitiges Knie doch recht hoch liegt – aber dann würde
sie, für ihre Epoche, wunderbar „modern“ ausgerichtet und wohlbalanciert
sitzen – angesichts barocker Seitsättel und Korsette bleibt
das bleibt eher Spekulation. Beide Gemälde hängen übrigens
im Prado, Anschauen lohnt sich!
Gab
es eine Epoche ohne Kopfbedeckungen?
Ebenfalls:
Nein. Zumindest, wenn ich keine Darstellung einer mittealterlichen
Hübschlerin plane. Eine Dame hatte immer und zu allen Zeiten
außer Haus eine Kopfbedeckung auf, und eine adlige Dame erst
recht. Und daran rüttelte auch die Französische Revolution
nicht ein bisschen: auch eine moderne bürgerliche Dame saß
im 19. Jahrhundert niemals unbehütet und mit flatterndem Haupthaar
zu Pferd.
Gab
es eine Epoche ohne Korsette?
Nochmals:
Nein. Leider. Und das ist sicherlich der einzige Anachronismus,
den wir als moderne Damensattelreiterinnen uns leisten dürfen
und sogar müssen. Das Reiten mit Korsett ist auch schon in
den historischen Epochen als gefährlich angesehen worden; und
die schönste Taille rechtfertigt es nicht, sich in der Beweglichkeit
und im Aktionsradius einzuschränken. Unsere Pferde sind heute
nicht mehr unbedingt immer vergleichbar mit dem lammfrommen, extrem
zuverlässigen Damenpferd, das der Stallmeister früher
seiner Herrin vorbereitete und unter den Hintern gab. So sehr ein
Korsett beim wirklich historisch getreuen Rokoko- Hofkleid oder
bei der Krinolinen-Ballrobe unabdingbar ist für die Formgebung,
so wenig hat es bei der Darstellung einer historischen Reiterin
zu suchen. Zudem haben wir heute ohnehin durch unsere meist sportlichen
Figuren einen echten Vorteil den eher untrainierten Damen vergangener
Zeiten gegenüber, und wenn's am Körperäquator doch
Nachbesserungsbedarf gibt, so wirkt ein elastisches Mieder hier
Wunder.
Lieblingsepoche
schon gefunden? Oder zumindest eine einigermaßen passende?
Dann geht's hier weiter zur kurzen
Übersicht
über die verschiedenen Epochen:
Zu
jeder könnte leicht ein abendfüllender Vortrag gehalten
werden; tiefer gehende Einzelheiten müssen immer jeweils per
Recherche oder mit der beauftragten Schneiderin geklärt werden,
wenn man sich für einen bestimmten Zeithorizont entschieden
hat.
Hier
noch ein Tipp:
Sinnvoll
ist es, diesen Wunschzeitraum sogar bis auf ein, zwei Jahrzehnte
einzugrenzen – und am allerbesten ist es sogar, ein fiktives Alter
Ego zu basteln und anhand dieser Person Gewand und Ausstattung zusammenzutragen,
dann ist nämlich alles wirklich aus einem Guss. Eine erfundene
oder reale historische Persönlichkeit als Vorbild für
die eigene Ausstattung an seiner Seite zu haben, bringt so ein Projekt
erstaunlicherweise sehr schnell weiter in Richtung großer
Authentizität. Und versprochen: lustig ist es auch!
Mittelalter
(Hochmittelalter und Gotik: ca. 12. - 15. Jhdt):
Getragen
wurde, was dem Anlaß entsprach, wobei offenbar wenig Unterschied
gemacht wurde, ob man diese Tätigkeit zu Fuß oder zu
Pferde ausführte. Eine wirkliche Reitkleidung ist für
das Mittelalter nicht überliefert; es wurde zu prunkvollen
Gelegenheiten (und dazu zählte die höfische Jagd ebenfalls)
sogar die kostbare Hoftracht getragen. Wer einmal mit lang herabhängenden
gezattelten Ärmeln eines burgundischen Adelskleides und einer
zugehörigen elaborierten Haube auf dem Pferd gesessen hat,
wird erahnen, dass das unzerzauste Ankommen eine ganz schöne
Herausforderung für die Reiterin gewesen sein mag – oder aber,
dass der Fantasie der Illuminatoren wenig Grenzen gesetzt waren,
das lässt sich heute nicht mehr sicher ermitteln.
In
jedem Fall gibt es für die Darstellung insbesondere spätmittelalterlicher
Damenkleidung genügend Quellen zur Recherche, um sie angemessen
darstellen zu können. In den Farben sollte man sich am mittelalterlichen
Kodex orientieren, der zum Beispiel fahlgelb sowohl per Verordnung
den Hübschlerinnen zuwies, als auch später diffamierend
den Juden. Rosa war (wider Erwarten) eindeutig eine gerne getragene
Farbe, und ansonsten fast jede andere Farbe auch. Je leuchtender
und tiefer der Ton, desto wertvoller und kostbarer der Stoff. Beispielsweise
trugen Bauern neben Braun und Grau auch Stoffe aus fahlem Blau (gefärbt
mit dem billigen heimischen Färberwaid), während der Adel
sich die teuren königsblauen Indigo-gefärbten Textilien
leisten konnten. Einleuchtend, dass alle Pastelle demnach unbeliebt
waren, sahen die doch „billig“ aus.
Violett
war übrigens weitgehend dem Klerus vorbehalten; und auch ansonsten
gab's mehr Kleiderordnungen als Untertanen, die sie befolgten. Bereits
die schiere Vielzahl dieser Dekrete lässt erahnen, dass man
(und frau) es mit ihnen recht lässig nahm – sonst hätte
man nicht immer wieder neue Verordnungen konzipieren müssen.
Modefalle:
Schnürungen sind für Mittelalterkleider NICHT typisch;
eigentlich wurden zumeist kleine Kugelknöpfe oder Haken und
Augen als Verschlüsse benutzt. Schnürungen sieht man vermehrt
in einer frühen Teilepoche (vor der Erfindung körpernaher
Schnitttechniken), um Kleidung an den Körper anzulegen, danach
aber nicht mehr sehr häufig außer in der Kleidung unterer
Schichten und auf Ritterturnieren des 20. Jahrhunderts.
Renaissance
(ca. Mitte 15. und das gesamte 16. Jahrhundert)
Es
gibt kaum eine inhomogenere Zeit in der Mode als die Renaissance:
während
in Frankreich noch die prächtige und üppige spätmittelalterliche
burgundische Mode blühte, gab es in Italien bereits die von
der Antike beeinflussten leichten, schmalen Frührenaissancekleider.
Während in der Hochrenaissance in Spanien und den von ihnen
beeinflussten Niederlanden die strenge, steife, zeremonielle schwarze
„spanische Mode“ vorherrschte, trug man in Deutschland farbenfrohe,
regional geprägte, prächtige und üppige Kleidung.
In England kamen die ebenso üppige, aber in den Formen und
Details deutlich andere „Tudormode“ auf, die ihre höchste Prachtentfaltung
in der Elisabethanischen Zeit erfuhr. Nichts war zu kostbar, um
es zu Kleidung zu verarbeiten oder an der Kleidung zu tragen; Goldbrokate,
Samte, Seiden, Pelze, verschwenderische Ausstattung mit edelsteinbesetzten
Schmuckstücken, all das finden wir auf Gemälden von Cranach,
Holbein oder ihren Zeitgenossen, fortgesetzt in den frühbarocken
spanischen Staatsporträts etwa eines Velazquez.
Wie
weiter oben schon anklang: Damen zu Pferde auf Staatsporträts
geben nicht unbedingt ein repräsentatives Bild aller reitenden
Damen dieser Zeit wieder, sie sind aber natürlich bildlich
sehr gut belegt, und sie geben auch auf heutigen Veranstaltungen
mindestens ein genauso beeindruckendes Bild ab, wie es auch bei
der damaligen Inszenierung geplant war.
Ob
es zur Zeit der Renaissance schon eigene Reitkleidung für Damen
gab, ist bei den Experten strittig. Zumindest übernimmt die
Outdoor- und Jagdkleidung Elemente der Herrenkleidung (ausgehend
von „Jagdhütchen“, die zunächst einmal das Kleid zum Jagdkleid
aufpeppten), so dass im Verlauf dieser Epoche erstmals eine Jacke
(Wams)-Rock-Kombination zum Reiten genutzt wird. Eine Kombination,
die allerdings auch ganz normal als Frauenkleidung getragen wurde,
also noch kein Beweis dafür ist, dass diese maskuline Variante
eines Kleides eine eigene Reitkleidmode darstellt.
Es
ist also auch durchaus möglich, ein historisches Renaissancegewand
zu entwerfen, in dem man mehr Bewegungsfreiheit hat als in der großen
Prachtrobe, und für das man nicht die nächstgelegene Filiale
der Bank of Scotland überfallen muß.
Modefalle:
Bei der Kopie eines Staatskleides erhält man die hinreißende
Wirkung leider nur, wenn man sich an dieselben Regeln hält,
wie das die Renaissancefürsten getan hatten: schwere, teure
Materialien und verschwenderische Fülle an Dekoration. Weniger
ist hier nicht mehr, sondern eben nur zu wenig. Das macht ein solches
Renaissance- oder Frühbarockkleid zu einer der kostspieligsten
Arten, historisch im Seitsattel zu sitzen.
Barock
und Rokoko
Diese
beiden Epochen werden gerne mal untereinander gemischt, sie gehen
auch durchaus fließend ineinander über, aber gerade deshalb
ist Vorsicht geboten! Man sollte tunlichst vermeiden, Kleidungselemente,
die fast hundert Jahre auseinander liegen, an eine einzige Reiterin
zu packen. Vieles, was heutzutage als „Barockkostüm“ durch
die Lande reitet, hätte bei einer Dame dieser Epoche sicher
zu hysterischen Kicheranfällen geführt.
Dröseln
wir erst einmal die Definitionen auf: Das Barock teilt sich in drei
große Bereiche, von denen wir im Folgenden das normalerweise
reiterlich selten dargestellte Frühbarock
mal außen vorlassen (Zeit ab 1600 bis ca. 1680, zur modetechnischen
Orientierung: bis in die 1630er Jahre eher der Spätrenaissance
zugehörig (s.o.), sind die Jahre zwischen 1640 und 1680 grob
gesagt die Zeit der Mühlsteinkragen und Musketiers). Bleiben
noch zwei Teilepochen, die erstaunlich logischerweise Hoch- und
Spätbarock heißen.
Betrachten
wir zunächst einmal das Hochbarock ,
die Zeit des Sonnenkönigs Ludwig des XIV., bis in die 1720er
Jahre. Die Jacken („Justaucorps“) und darunterliegenden Westen der
Herren sind lang und oft noch sehr militärisch aussehend (vom
Militärrock leiten sie sich nämlich ab), mit riesigen
Ärmelaufschlägen und verschwenderischem Gold- oder Silbertressenbesatz
oder ebensolcher Gold- und Silberstickerei. Die Farben sind kräftig
leuchtend oder dunkel, auch mal cremefarben, auf alle Fälle
aber klar und nicht pastellig. Und da die Reit- und Jagdkleidung
der Damen sich seit der Spätrenaissance ja an der Herrenkleidung
orientiert, sieht die adlige reitende Madame auch genau so aus:
Justaucorps, Weste, bodenlanger Rock ohne Schleppe. Die Materialien
sind jagdtauglich, haltbar und schwer, die Farben leuchtend, das
Ganze ist prächtig und praktisch. Was auch bedeutet: Spitzen
kommen nicht vor, zumindest nicht an den Ärmeln! Spitzen waren
so exorbitant teuer, dass sie der Darstellung des Reichtums dienten
und als Schmuck Diamanten ersetzen konnten, und die wurden definitiv
nicht auf dem Pferd verheizt - allenfalls die Halsbinde trug Spitzenabschlüsse.
Ein veritabler, nicht zu kleiner Dreispitz gehörte natürlich
auch dazu; eine Dame saß auch im Barock nur ohne Hut zu Pferd,
wenn ihr der beim wilden Galopp heruntergeweht wurde (zumindest
sagt das die Überlieferung – wer sich die unsicheren Sättel
des Hochbarock ansieht, kann den Mut der Damen ermessen, die ihn
wirklich zum wilden Galoppieren nutzten - oder den fragwürdigen
Wahrheitsgehalt der Überlieferung).
Modefalle:
im Hocharock gibt's keine Spitzenjabots, sondern lediglich Halsbinden.
Das ist ein langer Streifen aus feinstem Leinen, um den Kragen gewickelt
wurde, und dessen Enden aus Spitze bestehen konnten. Besonders schick
war's, wenn sie lässig („al la Steinkerke“) um den Hals geschlungen
und eventuell am Ende noch durch ein Knopfloch gezogen wurde.
An
das Hochbarock schließt sich das Spätbarock
, bzw. genauer das Rokoko
an, das fast das gesamte 18. Jahrhundert einnimmt und bis zur Französischen
Revolution 1789 andauert. Es ist reiterlich besonders bedeutend,
da genau hier François Robichon de la Guérinière
lehrte (bis zu seinem Tode 1751), auf den sowohl jeder Barockreiter
als auch mittelbar die gesamte Reitertradition der FN zurückgreift.
Im
Verlauf dieser sieben Jahrzehnte entwickelt sich eine heitere, leichte
Lebensart, die sich auch in der Mode niederschlägt. Die Gesellschafts-/
Hofkleidung wird pastellfarben, mit vielerlei bunten Seidenstickereien.
Wir sehen Spitze in Hülle und Fülle, gepuderte, aber auch
viele ungepuderte Perücken, Francaisenkleider mit ihren exaltierten
querovalen Reifröcken und den hinreißend derangiert „flatternden“
Watteau-Falten-Rücken oder kurze „Polonaisen“, die (wie aufregend!)
die Knöchel sehen ließen, und die das wiedergaben, was
man sich im eleganten, höfischen Frankreich unter der Kleidung
einer polnischen Schäferin vorstellte. Die Dekolletés
sind größer denn je, und die vorn flachen Korsette drücken
alles, was ihre Trägerin so zu bieten hat, in schönster
Kugelform in diese Schaufensterauslage hinein. Herrlich – damit
lässt sich doch auch für eine Damensattelkür ordentlich
Furore machen!
Doch
– sind die frivolen Rokoko-Dämchen frivol genug, um mit diesen
Kleidern aufs Pferd zu klettern? Richtig geraten: nein, sind sie
nicht. Wieder haben wir eine eigene Reit- und Jagdkleidermode. Und
wie sieht die wohl aus?
Wieder richtig geraten: wie die Jagdkleidung der Herren. Also wieder
mal praktische Farben, praktische Materialien, zurückhaltende
Verzierungen; wenig oder keine Spitze. Die Schnitte sind weit entfernt
von den Kleiderschnitten; sondern die nun schon altbekannte Dreierkombination
aus Justaucorps (nun aber deutlich knapper, taillierter und kürzer
als im Barock), Weste und knöchellanger Rock. Unter den Rock
kommen seitliche Pads – es könnte ja mal sein, dass man vom
Pferd runtersteigt, und dann soll einen keiner ohne die modische
seitlich ausladende Rockform erwischen. Und der Dreispitz ist natürlich
auch wieder dabei, nun aber ebenfalls deutlich kleiner und bei trés
elegantes dames (wir würden heute „fashion victims“ sagen)
nur noch als kleines Alibi-Hütchen auf der Frisur befestigt.
Modefalle
: die Spitzenjabots sind NICHT extra um den Hals gebundene
Lätzchen aus gerüschter Spitze, sondern ein am vorderen
Schlitz des Hemdes rüschig eingesetzter Spitzenbesatz, der
dann wasserfallartig übereinanderfiel. Je weiter wir zum Ende
des 18. Jahrhunderts kommen, desto eher ist dieses Jabot auch bei
Adelskleidung nicht aus Spitze, sondern aus dem feinen Leinenbatist
des Hemdes gefertigt.
Empire
(Beginn des 19. Jahrhundert, bis in die 1820er Jahre)
Das
plüschige Rokoko ist tot, es lebe die klassische Antike! Diesem
Motto getreu trugen die Damen immerzu leichte, weiße „Hemdkleider“,
die Chemisen, so wie man sich die antike griechische Mode halt von
den Marmorfriesen und –skulpturen so vorstellte. Heute wissen wir,
dass diese quietschbunt gewesen waren, bevor Wind und Wetter den
weißen Marmor freilegten, aber das ahnte man vor zweihundert
Jahren nicht, und so verkühlte sich eine ganze Generation modebewusster
Damen fast zu Tode im Banne der Antikensehnsucht. Die Kleider waren
aus feinsten weißen Batisten, und lediglich farbige Überkleider
und kurze Spenzerjäckchen boten etwas Schutz vor Ein- und Durchsicht
und dem Erfrierungstod.
Und diese Mode machte auch vor der reitenden Dame nicht Halt. Es
wurden tatsächlich auch zu Pferde die gleichen leichten Kreationen
getragen wie auf dem Boden; gegen das Herumflattern durch weiter
oben beschriebenen Riemen gesichert. Die langärmligen Jäckchen
waren gerne fantasievoll „a la Hussarde“ dekoriert und sollten den
schneidigen Schick dieser Haudegen-Reitertruppe auf die modebewusste
reitende Dame übertragen.
Im
Empire zeigte sich übrigens erstmals der Wechsel der Vormachtstellung
in Mode und Geschmack von Frankreich nach England. Die Engländerinnen,
bereits im vergangenen Jahrhundert wesentlich vernünftiger
in puncto Kleidung als ihre französischen Cousinen, machen
diese exaltierte Mode in deutlich abgeschwächter Form (als
„Regency“) mit. Dem englischen Pragmatismus sowie dem englischen
Dauerregen Rechnung tragend, waren die Stoffe und Schnitte dieser
Kleider wesentlich wetterfester als der kontinentaleuropäische
Flatterkram.
Sehr
gute Eindrücke davon bekommt man in den historisch sehr getreuen
BBC-Verfilmungen der Jane-Austen-Romane.
Modefalle:
Wer Empire/Regency darstellen will, muß sich leider
von der Taille verabschieden – unbedingt vorher mal mit einem billigen
Musterkleid ausprobieren, bevor man das teure Kostüm schneidert.
Reiterlich hat die Empiremode wohl eher anekdotischen Wert…
19.
Jahrhundert (Biedermeier, Krinoline, Historismus/Gründerzeit)
Das
Jahrhundert der Damensattelreiterinnen! Reiten wird Breitensport!
Und der Abschied von Prunk und Farbe wird endgültig… Nachdem
es noch einigermaßen spannend und originell im Empire losgegangen
war, wurden die Reitkleider nun zunehmend dunkel und mehr und mehr
dem modernen Reithabit ähnlich. Es gab immer eine weiße
Bluse zur meist dunklen Jacke-Rock- Kombination und einen Hut; lediglich
die Form dieser Elemente variiert.
Und
die Form wurde damit zum wichtigsten Utensil, um „schick“ von „Sack“
zu unterscheiden. Topaktuelle Silhouette und Details, edelste Tuche
und ein absolut tadelloser Sitz waren nun die Prüfsteine, an
denen sich die modebewusste Reiterin messen lassen musste.
Da
diverse Bilder und Originalschnitte aus Modezeitschriften erhalten
sind, lässt sich in diesem Jahrhundert wirklich problemlos
aus jeder erdenklichen Modeströmung ein passendes Reitkostüm
recherchieren:
Vom Biedermeier ausgehend, erweiterten sich die Röcke in der
Krinolinenzeit (ca. 1865) immer mehr und die Taille wurde zunehmend
immer zierlicher geschnürt, die Jacken endeten in kleinen Schößchen.
Die Röcke zum Reiten wurden bauschig, mit Unterröcken
und in deutlicher Überlänge getragen – im Gelände
definitiv nicht ungefährlich.
Zum
Jahrhundert-Ende hin wurden die Jacken immer schmaler unterhalb
der Taille, bis hin zur lang ausgezogenen Form der „Küraß-Taille“,
die wie eine Kürassier-Rüstung die Trägerin von der
Taille bis zu den Hüften umschloss. Auch die Röcke verloren
deutlich an Volumen und Länge und es wurden echte Reitröcke
entwickelt mit komplizierten Schnitten, die zwei Ausbuchtungen besaßen
und so einen faltenlosen Sitz des Rockes über den Sattelhörnern
ermöglichten. Aus diesen Jacken und den zugehörigen Röcken
entwickelte sich bis in die 1920er Jahre dann der moderne Habit;
auf Reitschürzen mussten die Amazonen allerdings nicht ganz
so lang warten, die ersten gab es in England bereits vor der Jahrhundertwende.
Modefalle:
Schon aus dem Rokoko, aber ganz besonders aus dem 19. Jahrhundert
sind eine Fülle an Originalschnitten überliefert. Die
Schnittführung war in den Epochen vor dem 20. Jahrhundert deutlich
anders als unsere heutigen modernen Konstruktionstechniken, teilweise
wurden Körperproportionen auch ganz bewusst verändert
und verfälscht - insofern geht ein umfunktionierter moderner
Schnitt leider nicht, auch wenn er noch so gut gemeint ist!
Aber
wie gesagt, es gibt ja die Originale!

Einige
für ambitionierte Darstellerinnen sehr wichtige Meilensteine
in der Kostümgeschichte
sollen
hier nicht verschwiegen werden:
1828:
Erfindung der Metallösen.
Schnürungen
an allen historischen Kostümen vor diesem Datum werden durch
im Knopflochstich gestickte Nestellöcher geführt!
1885:
Erfindung des Druckknopfes, 1903 wird er erst serienreif.
Alle
historischen Kostüme vor diesem Datum werden gehakt oder geknöpft!
1913:
Erfindung des ersten funktionsfähigen Reißverschlusses
(das Modell “Plako Fastener” der Firma “Automatic Hook and Eye Company”).
Alle
historischen Kostüme vor diesem Datum werden anders geschlossen!
Auch an versteckten Stellen!
1951:
Erfindung des Klettverschlusses („Velcro“)
Alle
historischen Kostüme vor diesem Datum müssen ohne ihn
auskommen!
1980er:
Erfindung des bi-elastischen Pannesamtes
Samt
gibt es schon seit dem 13. Jahrhundert, auch gepresste „Spiegel“-
oder „Panne“-Samte sind historisch, aber der unkaputtbare Vollpolyester-Elastiksamt
NICHT.
…
und noch ein Wort zur historischen Kleidung der Pferde:
Generell
war das Pferd genauso dem Zeitgeschmack entsprechend ausgestattet
wie seine Reiterin.
Beim
Körperschmuck des Pferdes geht die Bandbreite von diversen
reichgeschmückten Vorder- und Hinterzeugen in Mittelalter und
Renaissance, über schleifenverzierte Zaumzeuge und Mähnen
sowie tressenbesetzte Brokatschabracken in Renaissance und Barock
bis hin zu dem unserem modernen Equipment vergleichbaren, schlichten
Lederzeug des 19. Jahrhunderts.
Der
kreativen Phantasie sind besonders in den frühen Jahrhunderten
wenig Grenzen gesetzt - man sollte sich aber auf alle Fälle
an historischen Abbildungen orientieren statt überbordende
Eigenkreationen zu entwickeln. Weniger, und dafür qualitätvoll,
ist hier sicherlich meist mehr.
Was
aber machen wir mit unserem Reitzaum, an den das Pferd gewöhnt
ist, weil es damit täglich gearbeitet wird? Gute Nachricht:
sooo unhistorisch ist der gar nicht, zumindest der Basiszaum als
solcher. Was heißt, dass auch für eine Barock/Rokokodarstellung
nicht umgehend sofort ein kostspieliger Barockzaum hermuss.
Modefalle
: Das Hannoversche Reithalfter ist definitiv eine Erfindung
des 19. Jahrhunderts, das Kombinationshalfter ist noch mal gut hundert
Jahre jünger, ganz zu schweigen vom flaschenzugartigen schwedischen
Reithalfter. Ein authentisches Bild für die meisten Epochen
ergibt entweder ein „nackerter“ Kopf, oder aber ein englisches Reithalfter,
und auch die spanischen Zäume sehen heute noch so aus wie vor
250 Jahren - sie haben zudem noch den Vorteil, dass ihnen meistens
historisch korrekt der Kehlriemen fehlt.
Übrigens,
wirklich historisch wäre in den Epochen vor dem 19. Jahrhundert
eigentlich nur das einhändige Reiten auf blanker Stange, während
das reine Trensenreiten hingegen eine englische Erfindung des 19.
Jahrhunderts ist, aber das führt dann natürlich wirklich
zu weit…
Zuguterletzt:
Erschreckt?
Muß denn Reiten im Kostüm wirklich so kompliziert sein?
Keine
Bange, das ist es gar nicht! Wenn man sich erst einmal ein bissel
einliest und in „seine“ Lieblingsepoche versenkt, dann gewinnt so
ein Projekt ganz von alleine zunehmend an Fahrt und Eigendynamik,
versprochen! Und dafür, dass wir Reiterinnen uns täglich
stundenlang um das Perfektionieren unserer Reitkunst bemühen,
haben wir es auch verdient, dass wir in einem ebenso tadellosen
Erscheinungsbild vor unser Publikum treten.
Der
himmelweite Unterschied zwischen historisch angehauchten „So-tun-als-ob“-Kostümen
und einer guten, authentischen historischen Kopie fällt auch
einem unvoreingenommenen Zuschauer sofort ins Auge.
Und
wenn dann ein harmonisches Bild entsteht aus einem gelösten,
durchlässigen, am Seidenfädchen gerittenen Pferd mit einer
Reiterin, die im exakt angepassten, schwer fallenden, bis ins Detail
stimmigen Reitkostüm, selbstbewusst und vor allem kokett bis
strahlend lächelnd über den Platz schwebt – dann erwischen
sowohl Zuschauer als auch die Reiterin selber ein Zipfelchen von
dem, um das es hier geht: Geschichte.
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