Im
frühen Biedermeier bewegt sich die Taille wieder an ihren
natürlichen Platz (1820-1835), wo sie auch bis über das Ende dieser
Epoche hinaus bleiben wird. Sie wird immer mehr in den Mittelpunkt
gerückt, und muss immer zerbrechlicher wirken. Das wird zum einen
durch immer extremeres Schnüren (und vorheriges Hungern) erreicht,
die schöne korsettlose Zeit des Empire ist also vorbei. Zum anderen
wird die gewünschte Linie aber auch optisch unterstützt durch Kleiderschnitte
mit Riesenärmeln ("Hammelkeulenärmel"), Schultervolants und immer
grösser werdenden Röcken.
Die
Erfindung der Stahlreifen-Krinoline im Jahr 1856 ermöglicht
in diesem Zusammenhang zur Jahrhundertmitte eine erhebliche Umfangserweiterung
der Röcke, die mit den vorher verwendeten steifen Rosshaarunterröcken
nicht im gewünschten Maße möglich gewesen war, ohne dass die
Trägerin von deren Gewicht zu Boden gedrückt wurde.
Die Kleidung ist damit
unpraktisch wie fast nie zuvor - neben den weitesten und längsten
Röcken, sorgen zarteste und empfindlichste Stoffe dafür, dass die
Trägerinnen ausser leichten Handarbeiten und gelegentlichen Kutschfahrten
nicht mehr viele Tätigkeiten verrichten können - aber sie ist mädchenhaft-weiblich,
sanft und schön.
Schmeichelnde Ausschnitte
lassen Schultern grazil hervorleuchten. Die Stoffe werden wieder
pastellfarben und teilweise sind die Kleider ganz aus Spitze. Für
das Verständnis: erstaunlicherweise ist Baumwolle (damals noch sehr
exclusiv aus Indien importiert) ein sehr beliebtes Material.
Gegen
Ende der Periode finden immer wieder Zitate aus vergangenen Epochen
Verwendung in der Mode. Dieser sogenannte "Historismus", der auch
in der Architektur und bildenden Kunst seinen Niederschlag findet,
wird in der Gründerzeit noch stärker ausgeprägt. 
|