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Warum soll ich mir mein Kleid eigentlich nicht schneidern lassen?
Auf der Suche nach dem einmaligen, absolut
tollen Superkleid, das die zukünftige Braut möglichst
auf einen Schlag in die einzig wahre Märchenprinzessin verwandeln
soll, breitet sich in der geplagten Suchenden und der noch geplagteren
helfenden Gemeinde (wie Mütter, Freundinnen, der zukünftige
Göttergatte, Onkels, Tanten, Omas und dergleichen) so manches
Mal eine zunehmende düstere Verzweiflung aus – „ES“
ist einfach nicht aufzutreiben. Man wirkt im an vielen Samstagen
in einschlägigen Geschäften Anprobierten zu dick, zu dünn,
zu rüschig, zu schlicht, zu brav, zu aufgemotzt, zu bleich,
zu klein, zu bohnenstangig – kurz, einfach nicht wirklich
märchenhaft. Und das soll es ja nun wirklich sein, es ist ja
schließlich „once in your life“ (na ja, zumindestens
haben wir’s alle vor...). Manchmal stören auch nur Details
wie eine Riesenschleife, zu wenig oder zu viel Stickerei, Ärmel,
mit deren Form man sich nicht so gut anfreunden kann oder eine zu
lange oder zu kurze Schleppe.
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In diesen Situationen kann
es der geplagten Suchenden und der noch geplagteren helfenden Gemeinde
durchaus zwischendurch in den Sinn kommen, sich das Kleid doch auf
Statur, Charakter, Ausstrahlung und Vorstellungen hin einfach anfertigen
zu lassen. Dieser Gedanke – obwohl doch eigentlich eine einfache
Lösung – wird aber häufig nicht zu Ende verfolgt
und schon gar nicht in die Tat umgesetzt – warum eigentlich
nicht?
Die häufigsten Bedenken sind sicherlich: Das ist doch viel
zu kompliziert/ Hilfe, noch mehr Streß, lauter Anprobetermine
/ Was bringt’s denn eigentlich wirklich, die Konfektionskleider
bieten doch so eine Riesenauswahl / Um Gottes Willen, das ist doch
viel zu teuer... Die Liste ist sicherlich noch ausbaufähig.
Aus Sicht einer Betroffenen (das heißt einer Anbieterin entsprechender
Dienstleistungen) möchte ich im Folgenden mal die Hemmschwellen
ein bißchen abbauen:
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1. Frage: Was bringt das eigentlich?
Wer eine etwas schwierige Figur oder eigenwillige Proportionen
hat, wird sich mit dieser Frage kaum beschäftigen – der
Vorteil einer Maßarbeit ist klar: alles sitzt dort, wo’s
hingehört, keine Falten oder etwa wurstpellige Taillenregionen
stören das zauberhafte Gesamtbild. Über die rein handwerkliche
Perfektion des Kleidungsstückes hinaus kann eine gute und engagierte
Schneiderin aber noch einiges mehr leisten: Sie kann Stil- und Formberaterin
sein, kann nützliche Hilfe geben bei der Auswahl des zum Typ
und zur Figur passenden Schnittes unter Einbeziehungen der ganz
individuellen Wünsche und Vorstellungen der Braut und kann
ihr gesamtes Know-How in Bezug auf Stoffe zur Verfügung stellen
(weicher Fall oder fester Stand, Knitter-Resistenz, Glanz und -
ganz wichtig - Durchhaltefähigkeit der genannten Eigenschaften
für einen ganzen langen Tag und ein rauschendes Fest –
wer will denn schon seinen schönsten Tag als Crinkle –
Woman verbringen, und das bereits nach der viertelstündigen
Fahrt zur Kirche..?). Mit einem Wort – die Schneiderin ist
Fachfrau für genau diese eine Sache, und das sollte man auch
nutzen. |
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Als Tip hierfür:
Überlegen Sie sich vorher genau, was Sie unbedingt verwirklicht
haben wollen, wo Sie Ihre Stärken und Schwächen seht,
was Sie fragen wollen zu Stil oder Stoff. Wenn Sie schon ganz konkrete
Vorstellungen haben, zeichnen Sie alles auf (braucht ja nicht jahreskunstpreisverdächtig
zu sein) oder bringen Fotos mit. Und fragen Sie! Fordern Sie Ihre
ganz persönliche Fachfrau mit ihrer langjährigen Erfahrung,
sie wird sich gerne intensiv Ihrer ganz individuellen Verschönerung
widmen. Besprechen Sie das Kleid so lange, bis Sie sich ganz sicher
sind, daß es genauso ist, wie Sie es denn haben wollen. Mehrstündige
Marathonsitzungen sind meiner Erfahrung nach keine Seltenheit, bei
denen sich zwar die geplagte helfende Gemeinde so nach und nach
erschöpft aus der Diskussion zurückzieht, bei denen aber
die beiden Hauptakteurinnen ermüdungslos unter Zuhilfenahme
erheblicher Mengen an coffeinhaltigen Heißgetränken und
figurvernichtenden Backwerken über ein zunehmend konkreter
werdendes Kunstwerk fachsimpeln... Je besser die anfängliche
Besprechung, um so eher gleicht das Endprodukt Ihren Phantasien.
2. Frage: Wie lange dauert denn sowas, muß ich dann dauernd
dort antanzen?
Ganz abgesehen davon,
daß es süchtig machen kann, den Fortgang der Entwicklung
des EIGENEN Kleides zu beobachten, ist der Aufwand aber eigentlich
nicht so fürchterlich hoch. In der Regel genügen (außer
der ersten Besprechung) ein bis zwei zusätzliche Termine, um
der Schneiderin eine paßgenaue Arbeit zu ermöglichen.
Wie oft Sie voraussichtlich zur Anprobe müssen, fragen Sie
aber am besten jede Schneiderin selbst, da ist sicherlich eine ganze
Bandbreite an Variationen drin.
Der Vorlauf für die ganze Prozedur ist in vielen Fällen
sogar kürzer als beim gekauften Kleid, denn dort sind manchmal
erhebliche Lieferzeiten einzurechnen. Darüber hinaus sind Sie
beim Schneiderkleid nicht von Modellwechsel abhängig, müssen
also nicht den Einkauf nach den großen Modemessen abpassen,
um noch alle Modelle in ganzer Pracht zur Auswahl zu haben –
Ihr Kleid gibt’s ja sowieso nur einmal. Meinen Kundinnen sage
ich immer, daß ich ganz gerne zur enspannten Planung meiner
Kapazitäten drei Monate Vorlauf hätte (nun kommt bei mir
auch noch dazu, daß ich oft auch noch im Ausland nach besonderen
Stoffen fahnden muß, da ich auch einen erheblichen Anteil
an farbigen historischen Kleidern dabeihabe, und wer einmal versucht
hat, einen Inder auf einen Liefertermin festzulegen, weiß,
wovon ich spreche...), es geht aber auch mit Sicherheit bei der
einen oder anderen Werkstatt erheblich schneller.
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3. Frage: Wie teuer wird das Ganze?
Tja, das ist nun der zentrale und auch gleichzeitig
für viele der leidigste Punkt der gesamten Geschäftsbeziehung...
Vorweg: Sie können sicher sein, daß ich (und meine Kolleginnen
sicherlich auch) nicht aus purer Bosheit und Gier eine Riesenmenge
Geld von jungen, sympathischen und finanziell oft nicht gerade rockefellermäßig
ausgestatteten Bräuten fordern. Es ist aber nun einmal so,
daß wir ja von unserer Hände Arbeit leben müssen
(und wollen), und daß wir für unsere Arbeitsstunde nun
auch nicht gerade den Lohn einer thailändischen Heimarbeiterin
nehmen können (und wollen). Abgesehen davon arbeiten wir auch
nicht schwarz wie vielleicht die Bekannte von Omas Cousine, die
doch immer so schöne Sachen für die Nichte von Frau Müller
gemacht hat, sondern der Staat greift sich auch noch ein gutes Drittel
des von Ihnen bezahlten Preises und baut dafür Straßen,
Schulen und Kindergärten und viele nützliche Dinge mehr...
Vergleicht man unseren Stundenlohn mit einer durchschnittlichen
Handwerker – oder Automechanikerstunde, so brechen wir Textilkünstlerinnen
bei unseren Erfahrungsaustauschen regelmäßig in kollektives
Gejammer aus und manche von uns hat sich schon zwecks Verbesserung
der Lebensumstände aus dem selbständigen Geschäft
verabschiedet in die Stoffabteilung von Karstadt – mit ihren
bekannten Arbeitszeiten und Gehältern... Mir persönlich
ist jedenfalls auch keine Kollegin bekannt (außer vielleicht
Vivienne Westwood), die sich im Jaguar oder Ferrari zu ihrem Privatjet
chauffieren lassen könnte, um mit selbigem zum Aperitiv nach
Cannes zu jetten (So, das mußte einfach mal gesagt werden!).
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Ansonsten
ist die ganze Aktion wahrscheinlich gar nicht so teuer wie Sie fürchten.
Für ein Kleid der gehobenen Qualitätsklasse mit schönem
Entwurf müssen Sie im Laden durchaus ab 1000,- bis gut 2000,-
€ rechnen und in dieser Größenordnung bewegen wir
uns mit den geschneiderten Kleidern in der Regel auch. Natürlich
gibt’s Ausreißer (bei einzelnen Kleidern oder Anbietern),
die durchaus die 5.000 € -Grenze noch überschreiten, aber
diese Ausreißer gibt’s bei Kauf-Kleidern auch (schauen
Sie sich mal bei den Pariser oder Londoner Designern um...). Fragen
Sie doch im Einzelfall einfach mal bei einer oder mehreren Schneiderinnen
nach (das kostet mit ziemlicher Sicherheit nix).
Wenn Sie dann auch noch
die Möglichkeit nutzen, das Kleid unter der Prämisse zu
entwerfen, daß man es zum Abend-, Ball- oder Cocktailkleid
umarbeiten kann, rechnet sich die ganze Aktion vielleicht sogar
schon. Eine versiert Schneiderin ist durchaus Willens und in der
Lage, noch Nahtzugaben für eventuell anfallende Ehe-Wohlstandspfunde
oder Schwangerschaftsandenken ins Kleid einzuarbeiten, Sie müssen
ihr das nur sagen.
Fazit:
Langer Rede kurzer Sinn:
Ein vom Profi geschneidertertes Kleid hat als einmaliges Kunstwerk
zwar seinen Preis, ist aber etwas ganz Besonderes, genauso wie Ihr
zukünftiger Ehemann, wie Ihre Beziehung, wie Ihre eigene Persönlichkeit
und wie Ihr ganzes Fest.
An diesem wichtigen Tag als der Mittelpunkt der ganzen Feier auch
ganz besonders unvergeßlich aussehen zu wollen, ist offensichtlich
in uns allen XX-Chromosomenträgerinnen von Geburt an angelegt
(scheinbar gibt’s da irgendwo ein Prinzessinnen-Gen), und
vernünftig sein kann man sein ganzes Leben vorher und nachher
auch noch. Klar kann man für den gleichen Preis auch ein paar
schöne Zylinderkopfdichtungen und eine schimmernde Benzinpumpe
für das Familienvehikel erweben (aber wie sieht das denn aus,
wenn man darin vorm Altar steht?), doch die Erinnerungen an den
einmaligen Tag mit Eurem ganz besonderen Auftritt sind doch eigentlich
unbezahlbar, oder?
Insgesamt kann ich nur
empfehlen, rufen Sie einfach mal bei einer von uns an, wir freuen
uns auf jeden Fall über jede Anfrage (außer vielleicht
nach der Herausgabe von Schnittmustern) und testen Sie mal aus,
wie Sie mit der- (oder dem-) jenigen so klarkommen. Vielleicht kommt
am Ende ja das ganz tolle Superkleid heraus, nach dem Sie und die
geplagte helfende Gemeinde so lange gesucht haben.

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